Worum geht’s?

In einer Mixed-Methods-Studie untersuchten Wissenschaftler/innen der Justus-Liebig-Universität Gießen, des Forschungsinstituts für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) und der Universität Bonn, wie sich Eltern von vegan oder vegetarisch ernährten Kleinkindern über Ernährung informieren, potenzielle Nährstoffmängel einschätzen und die Zufuhr von Nährstoffen durch Supplemente ergänzen. Im Fokus standen dabei die Risikowahrnehmung hinsichtlich der Nährstoffversorgung außerhalb klinischer Normbereiche sowie die Erfahrungen der Familien im Kontakt mit medizinischem Fachpersonal. 

Hintergrund ist, dass immer mehr Kinder pflanzenbasiert ernährt werden. Da bei dieser Ernährungsweise einige Nährstoffe – insbesondere Vitamin B2, B12 und D sowie Eisen, Jod und bei veganer Ernährung zusätzlich Calcium – als potenziell kritisch gelten, untersuchte die Studie, wie Eltern die Nährstoffzufuhr ihrer Kinder in der Praxis gestalten.

Methodik

Die Studie nutzte ein erklärendes, sequenzielles Mixed-Methods-Design (ein Forschungsansatz, bei dem zwei verschiedene Datentypen nacheinander erhoben werden, um eine Forschungsfrage umfassend zu beantworten). In der quantitativen Phase wurden Daten von 275 Eltern (164 mit veganen und 111 mit vegetarisch ernährten Kindern im Alter von 1–3 Jahren) aus der VeChi-Diet-Studie ausgewertet. Erfasst wurden das Informationsverhalten und die Zufuhr von Supplementen. In der anschließenden qualitativen Phase wurden zehn vertiefende Interviews mit Müttern geführt, um die elterlichen Strategien und Erfahrungen mit Kinderärzten näher zu beleuchten.

Ergebnisse

Informationssuche:

  • Verwendung wissenschaftlicher Quellen: 98,8 % der Eltern vegan ernährter Kinder und 92,8 % der Eltern vegetarisch ernährter Kinder geben an, sich über wissenschaftliche Erkenntnisse zu informieren.
  • Als Hauptquellen dienten vegetarische und vegane Organisationen Society), Fachliteratur, Tierrechtsorganisationen und das Internet, wobei die Unterscheidung zwischen evidenzbasierten und nicht-evidenzbasierten Quellen oft als schwierig empfunden wurde.

Nährstoffzufuhr durch Supplemente:

  • Zwischen den Ernährungsformen besteht ein deutlicher Unterschied in der Häufigkeit der Supplementierung: Während 97,6 % der vegan ernährten Kinder Supplemente erhalten, trifft dies nur auf 56,8 % der vegetarisch ernährten Kinder zu.
  • Vitamin B12: Eine gezielte Zufuhr erfolgt bei veganen Kindern zu 96,2 %, wenn die Mütter auch vegan lebten, und zu 100 %, wenn sich die Mütter vegetarisch ernährten. Vegetarische Kinder erhielten Vitamin B12 zu 34,9 % von vegetarischen Müttern und zu 76,5 % von veganen Müttern.
  • Vegan ernährte Kinder erhalten im Durchschnitt 2,3 verschiedene Supplemente, während es bei vegetarisch ernährten Kindern durchschnittlich 1,7 sind.

Medizinische Überwachung und Erfahrungen:

  • Mütter vegan ernährter Kinder lassen häufiger (vier von fünf Mütter) Blutuntersuchungen durchführen als Mütter vegetarisch ernährter Kinder (eine von vier Müttern), um Werte außerhalb des Normbereichs frühzeitig zu erkennen.
  • In der Qualität der ärztlichen Beratung bestehen signifikante Unterschiede: Während einige Eltern hier Unterstützung erfuhren, berichteten andere von ablehnenden Haltungen oder unwissenschaftlichen Empfehlungen der Kinderärzte. Einzelne Eltern erzählten beispielsweise von Empfehlungen zur Wiedereinführung von Fleisch mit Verweis auf mögliche Risiken einer zu geringen Eisenversorgung. 

Schlussfolgerung

Eltern, die ihre Kinder vegan oder vegetarisch ernähren, zeigen ein hohes Engagement bei der Informationssuche und der Sicherstellung der Nährstoffzufuhr ihrer Kinder. Besonders bei veganer Ernährung ist die Zufuhr von Vitamin B12 offenbar fast flächendeckend etabliert. Dennoch besteht zwischen veganen und vegetarischen Familien ein Unterschied in der Sensibilität für kritische Nährstoffe: Vegetarische Eltern sind seltener besorgt über Werte außerhalb des Normbereichs und supplementieren deutlich seltener. Die Autor/innen der Studie sehen Bedarf an evidenzbasierter Begleitung und strukturierter Beobachtung, insbesondere hinsichtlich potenziell kritischer Nährstoffe. Zudem besteht ein dringender Bedarf an evidenzbasierten Leitfäden für Kinderärzte, um Eltern veganer und vegetarischer Kinder konstruktiv zu begleiten.

Hier kommen Sie zur vollständigen Studie.

Weitere Publikationen der VeChi-Diet-Studie finden Sie hier.

Vohland V, Weder S, Keller M, Alexy U, Heil E A (2026): Information behavior and risk awareness regarding nutrient
deficiencies among parents of children with a vegan or vegetarian diet. A mixed-method study. Nutrition NUT 113295.