Worum geht es?
Eine vegane Ernährung schließt üblicherweise alle Lebensmittel tierischen Ursprungs aus. Ohne eine sorgfältige Mahlzeitenplanung und eine angepasste Nahrungsergänzung kann die Zufuhr verschiedener Mikronährstoffe, insbesondere Vitamin B12, Jod, Vitamin D und langkettige Omega-3-Fettsäuren, unzureichend sein. Dies kann während der Schwangerschaft potenziell schwerwiegende gesundheitliche Folgen für das Kind zur Folge haben. Trotz des wachsenden Interesses an pflanzlicher Ernährung liegen bisher nur wenige Daten zu den Auswirkungen einer veganen Ernährung auf die Gesundheit von Schwangeren und ihren Neugeborenen vor.
Die prospektive Pilotstudie „PREGGIE“ (Pregnant Vegan Women Study) untersuchte daher Gesundheitsparameter der Mütter und Neugeborenen bei veganen und omnivoren Schwangerschaften in Deutschland.
Methodik
Die Studie, initiiert vom Forschungsinstitut für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) wurde an zwei Studienzentren durchgeführt: dem Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und einer gynäkologischen Praxis in Hamburg. Die Rekrutierung erfolgte unter anderem über die beiden Studienzentren sowie über verschiedene Online-Kanäle. Insgesamt wurden 163 schwangere Frauen mit Interesse an einer Studienteilnahme gescreent und von diesen 84 rekrutiert. Insgesamt 45 Frauen schlossen die Studie vollständig ab und wurden somit in der finalen Analyse berücksichtigt (32 Veganerinnen, 13 Mischköstlerinnen).
Die Einschlusskriterien umfassten ein Gestationsalter zwischen der 9. und 16. Schwangerschaftswoche bei Studienbeginn, ein Alter von 18 bis 39 Jahren sowie eine mindestens einjährige vegane Ernährung (in der Vegangruppe) beziehungsweise einen regelmäßigen Fleisch- und Fischkonsum (in der Kontrollgruppe).
Die Untersuchung umfasste zwei Erhebungszeitpunkte während der Schwangerschaft sowie die Erfassung der Geburtsdaten:
t1 (9.–16. Schwangerschaftswoche): Messung von Größe, Gewicht und Blutdruck, Erfassen soziodemografischer Daten und der Zufuhr von Nahrungsergänzungsmittel sowie die Durchführung eines 3-Tage-Wiegeverzehrsprotokolls, Entnahme von Blutproben und Sammeln von Spontanurin.
t2 (35.–38. Schwangerschaftswoche): Messung von Gewicht und Blutdruck und ein zweites 3-Tage-Wiegeverzehrsprotokoll, Entnahme von Blutproben und Sammeln von Spontanurin.
Geburt und Neugeborenenparameter: Auswertung von Entbindungsart, Gestationsalter, Geburtsgewicht, Geburtslänge, Kopfumfang, Apgar-Scores sowie dem Auftreten von Frühgeburten, Small-for-Gestational-Age (SGA), Large-for-Gestational-Age (LGA), Makrosomie und niedrigem Geburtsgewicht anhand der Geburtsakte.
Ergebnisse
Hinsichtlich der untersuchten Parameter ergaben sich folgende zentrale Befunde:
Supplementierung: Alle Veganerinnen (100 %) nahmen ein Vitamin-B12-Präparat ein (Mischköstlerinnen: 84,6 %). Zudem supplementierten 87,5 % der Veganerinnen Omega-3-Fettsäuren (Mischköstlerinnen: 53,8 %) sowie jeweils 84,4 % Jod- und Vitamin-D-Präparate (Mischköstlerinnen: 69,2 % bzw. 92,3 %).
Mütterliche Gesundheit: Nach statistischer Adjustierung potenzieller Störfaktoren zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen veganen und omnivoren Schwangeren bezüglich Prä-Schwangerschafts-BMI, Körpergewicht, Gewichtszunahme sowie systolischem und diastolischem Blutdruck.
Geburt und Neugeborene:
Körpermaße: Geburtsgewicht (VEG: 3500 ± 477 g vs. OMN: 3355 ± 538 g), Geburtslänge (52,1 ± 2,8 cm vs. 51,5 ± 3,0 cm) und Kopfumfang (35,1 ± 1,4 cm vs. 34,7 ± 1,5 cm) unterschieden sich nicht signifikant voneinander.
Schwangerschaftsdauer und Entbindungsart: In beiden Gruppen trat keine Frühgeburt vor der 37. Schwangerschaftswoche auf. Auch bei den Entbindungsarten (spontane Vaginalgeburt: VEG 65,6 % vs. OMN 53,8 %; Kaiserschnitt: VEG 18,8 % vs. OMN 38,5 %) zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.
Gewichts-Klassifikationen und Apgar-Score: Ein zu geringes Geburtsgewicht bezogen auf das Gestationsalter (SGA) wurde bei zwei Neugeborenen veganer Mütter (6,3 %) und bei drei Neugeborenen omnivorer Mütter (23,1 %) festgestellt. Ein hohes Geburtsgewicht (LGA) sowie Makrosomie (> 4000 g) lagen bei jeweils vier Neugeborenen veganer (12,5 %) und bei einem Neugeborenen omnivorer Mütter (7,7 %) vor. Ein niedriges Geburtsgewicht (< 2500 g) betraf ein Neugeborenes der veganen Gruppe (3,1 %).
Den maximalen Apgar-Score von 10 Punkten nach 10 Minuten erreichten 96,9 % der Neugeborenen in der veganen und 92,3 % in der omnivoren Gruppe.
(Anmerkung: Die Ergebnisse zu Lebensmittelverzehr, Nährstoffzufuhr und Nährstoffstatus wurden in einer weiteren Publikation veröffentlicht).
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse der PREGGIE-Studie deuten darauf hin, dass eine abwechslungsreiche und gezielt supplementierte vegane Ernährung (insbesondere mit Vitamin B12, Jod, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren) während der Schwangerschaft nicht mit negativen Auswirkungen auf mütterliche oder neugeborene Gesundheitsparameter verbunden ist.
Eine adäquate Supplementierung kritischer Nährstoffe, wie Vitamin B12 und Jod, bleibt für vegan lebende Schwangere essenziell.
Die Studienergebnisse dürfen jedoch keinesfalls dahingehend interpretiert werden, dass eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft ohne die Verwendung von Supplementen sicher ist. Aufgrund der geringen Fallzahl insbesondere der omnivoren Schwangeren (u. a. durch Rekrutierungsschwierigkeiten während der COVID-19-Einschränkungen) war die Pilotstudie statistisch unterpowert. Zudem wiesen die Studienteilnehmerinnen ein vergleichsweise hohes Bildungs- und Gesundheitsbewusstsein auf („Healthy-Volunteer-Effekt“), was die Übertragbarkeit der Befunde auf Schwangere der Allgemeinbevölkerung einschränkt. Die Ergebnisse dienen somit als wertvolle hypothesengenerierende Grundlage für zukünftige, umfassender angelegte prospektive Studien zur veganen Ernährung in der Schwangerschaft.
Der vollständige Artikel ist unter LINK abrufbar.
Koeder, Christian et al. “Maternal and newborn health in vegan and omnivore pregnancies: A prospective pilot study (PREGGIE).” Nutrition and health, 2601060261474598. 3 Aug. 2026, doi:10.1177/02601060261474598
