Worum geht es?
Das Forschungsinstitut für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) hat untersucht, ob eine optimierte vegane Ernährung die Zufuhrempfehlungen für Cholin und Selen gemäß DGE/ÖGE und EFSA erreichen kann und wie diese Ergebnisse in der aktualisierten Gießener veganen Lebensmittelpyramide umgesetzt werden können. Grundlage ist ein 14‑tägiger veganer Ernährungsplan, dessen Nährstoffzufuhr mithilfe verschiedener Nährstoffdatenbanken (BLS, EFSA, FRIDA, USDA) berechnet wurde.
Hintergrund
Cholin
Cholin ist ein semi-essentieller Nährstoff, der unter anderem für die Membranstabilität, die Acetylcholin-Synthese und den Lipidstoffwechsel relevant ist. Eine unzureichende Versorgung kann mit Veränderungen der Leberfunktion oder neurometabolischen Prozessen in Verbindung stehen.
Da Cholin in pflanzlichen Lebensmitteln üblicherweise in geringeren Mengen vorkommt als in tierischen Produkten, stellt sich die Frage, ob vegane Ernährungsweisen die EFSA-Zufuhrempfehlung von 400 mg/Tag erreichen können.
Selen
Selen ist Bestandteil zahlreicher Selenoproteine, die unter anderem antioxidative Funktionen, den Schilddrüsenstoffwechsel und Immunprozesse unterstützen. Der DGE/ÖGE-Schätzwert für eine angemessene Selenzufuhr beträgt 60–70 µg/Tag (Erwachsene).
Pflanzliche Lebensmittel enthalten Selen in stark schwankenden Konzentrationen, abhängig vom Gehalt im Boden. Besonders relevant: Ohne gezielte Auswahl selenreicher Lebensmittel kann die Zufuhr unterhalb der Empfehlung liegen.
Methodik
Die Autorinnen und Autoren entwickelten einen 14‑tägigen veganen Ernährungsplan, der saisonale, in Deutschland übliche Lebensmittel berücksichtigt. Die Nährstoffberechnung erfolgte über eine manuell zusammengeführte Datenbank aus vier Quellen. Die berechnete Zufuhr wurde anschließend mit den Zufuhrempfehlungen von DGE/ÖGE (alle Nährstoffe außer Cholin und EPA/DHA) und EFSA (Cholin, EPA/DHA) verglichen.
Ergebnisse
Cholin-Zufuhr: Die vegane Ernährung im 14‑Tage-Plan erreichte die EFSA-Zufuhrempfehlung von 400 mg/Tag (401 mg/Tag), wenn täglich cholinreiche Lebensmittel berücksichtigt wurden.
Selen-Zufuhr: Die rechnerische Selenzufuhr lag unterhalb des DGE/ÖGE-Referenzwerts (47,8 µg/Tag vs. 60–70 µg/Tag). Erst durch die Ergänzung von zwei Paranüssen pro Tag wurde der Schätzwerterreicht.
Weitere kritische Nährstoffe
Die Zufuhr über übliche pflanzliche Lebensmittel lag unterhalb der Referenzwerte für: Vitamin B12, Vitamin D, Iod und EPA/DHA. Für diese Nährstoffe sind in einer veganen Ernährung daher Supplemente und/oder angereicherte Lebensmittel notwendig.
Schlussfolgerungen
Die Untersuchung zeigt, dass eine gut geplante vegane Ernährung die Zufuhrempfehlungen für die meisten Nährstoffe erreichen kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass verschiedene Mikronährstoffe, insbesondere Selen, Iod, Vitamin D, Vitamin B12 und langkettige Omega‑3‑Fettsäuren, ohne gezielte Lebensmittelauswahl, einschließlich angereicherter Lebensmittel, oder Supplementierung unterhalb des empfohlenen Zufuhrbereichs bleiben.
Die aktualisierte Giessener Vegane Lebensmittelpyramide integriert diese Erkenntnisse und betont:
- die Bedeutung cholinreicher pflanzlicher Lebensmittel (z. B. Hülsenfrüchte, Kreuzblütler, Sojaprodukte),
- die Notwendigkeit einer zusätzlichen Selenquelle,
- die Rolle angereicherter Produkte und Supplemente für Vitamin B12, Vitamin D, Iod und EPA/DHA,
- die qualitative Auswahl pflanzlicher Alternativprodukte,
- die Begrenzung stark verarbeiteter Fleischersatzprodukte.
Insgesamt zeigt die Untersuchung, dass eine diversifizierte, saisonale und gut geplante vegane Ernährung die (theoretische) Nährstoffzufuhr optimieren kann. Die aktualisierte Gießener vegane Lebensmittelpyramide stellt ein praxisnahes Werkzeug dar, um kritische Nährstoffe gezielt zu berücksichtigen.
Der vollständige Artikel ist hier abrufbar.
Koch, B., Dietrich, J., Müller, S., Weder, S., Keller, M. (2026): Update of the Giessen Vegan Food Pyramid with special consideration of the Adequacy of Choline and Selenium in a Vegan Meal Plan. Journal of Public Health.
